Fa­mi­lie Sieg­mund Co­hen

Hanny Cohen
Meyerhoff-Haus 1936
Ladengeschäft alt-Bahnhofstraße

 

Sieg­mund Co­hen wur­de im Jahr 1871 in Os­ter­holz-Scharm­beck ge­bo­ren und war ein Sohn von Mey­er Co­hen, ei­nem an­ge­se­he­nen Os­ter­hol­zer Kauf­mann und Mit­be­grün­der des Os­ter­hol­zer Ern­te­fes­tes. Er be­such­te erst die jü­di­sche Ele­men­tar­schu­le, dann die Mit­tel­schu­le und ging ab 1884 zum Re­al­gym­na­si­um zu Ve­ge­sack. Ab 1897 be­trieb er ein Ma­nu­fak­tur- und Be­klei­dungs­ge­schäft in der Bahn­hof­stra­ße 37 (ehem. 354).

Sieg­mund hei­ra­te­te die eben­falls 1871 ge­bo­re­ne Cla­ra As­sen­hei­mer aus Ot­ters­berg. Ihre Schwes­ter Flo­ra war mit Sieg­munds Bru­der Al­fred ver­hei­ra­tet, der das Tex­til­ge­schäft des Va­ters in der Ho­he­tor­stra­ße über­nom­men hat­te. Die Fa­mi­lie war gut in die bür­ger­li­che Ge­sell­schaft von Os­ter­holz-Scharm­beck in­te­griert. Ihre Kin­der Erich, Jg.1900 und Han­ny Jg. 1905 hal­fen nach der Schu­le im La­den. Bei­de be­such­ten zu­erst die jü­di­sche Schu­le in der Syn­ago­ge und dann die Mit­tel­schu­le. Auch Han­ny be­kam eine hö­he­re Schul­bil­dung und ging ab 1918 zum „Städ­ti­schem Ly­ze­um“ in Bre­men. Erich ver­ließ die Fa­mi­lie schon 1924 und wan­der­te 1936 nach Süd­afri­ka aus.

Sieg­mund war Kriegs­in­va­li­de und zog sich schon 1932 aus dem Ge­schäft zu­rück und über­gab es an sei­ne Toch­ter Han­ny.

Der staat­lich an­ge­ord­ne­te Boy­kott jü­di­scher Lä­den am 1.4.1933 und die SA Schi­ka­nen vor den Schau­fens­tern führ­ten den schon vor­her an­ge­schla­ge­nen Be­trieb in die In­sol­venz. 1934 muss­te das Haus zwangs­ver­stei­gert wer­den und ging an die Fir­ma Mey­er­hoff. Han­ny mie­te­te im Haus Nr. 41 an der Ecke zum Klos­ter­kamp ei­nen Raum und er­öff­ne­te ein klei­nes Tex­til­ge­schäft. Mit ih­ren El­tern zog sie in die Lin­den­stra­ße 6, wo sie bei Al­fred Schmarr zur Mie­te wohn­ten.

Die Lage der letz­ten Ju­den in Os­ter­holz-Scharm­beck ver­schlech­ter­te sich zu­se­hends durch neue Auf­la­gen aus dem Reichs­bür­ger­ge­setz. Hin­zu ka­men die öf­fent­li­chen De­mü­ti­gun­gen von der Be­völ­ke­rung. Die Stim­mung ent­lud sich im Po­grom am 9.11.1938.

In die­ser Nacht wur­den die Os­ter­holz-Scharm­be­cker Jüd*in­nen in ih­ren Woh­nun­gen be­droht, miss­han­delt und teil­wei­se schwer ver­letzt. Die Po­li­zei schau­te zu und ver­haf­te­te nicht die Tä­ter, son­dern die Op­fer. In den jü­di­schen Wohn­häu­sern und Ge­schäf­ten wur­den die Ein­rich­tung und die Fens­ter zer­trüm­mert. Am nächs­ten Mor­gen la­gen die Grab­stei­ne des jü­di­schen Fried­hofs her­aus­ge­ris­sen am Bo­den und in der ver­wüs­te­ten Syn­ago­ge in der Bahn­hof­stra­ße hing noch der Ge­ruch ei­ner ver­such­ten Brand­stif­tung.

Eine Hand­voll SA-Män­ner drang auch in das Haus in der Lin­den­stra­ße. Sie hat­ten sich am Abend auf ei­ner Hit­ler-Putsch Fei­er in der Cen­tral Hal­le Mut an­ge­trun­ken und schlu­gen den 67 jäh­ri­gen Sieg­mund Co­hen so schwer zu­sam­men, dass er am 20. No­vem­ber 1939 an den Fol­gen starb. Eine me­di­zi­ni­sche Be­hand­lung be­kam er nicht, die wur­de Ju­den nicht ge­währt. – Der ein­zi­ge Mensch, der ihm hät­te hel­fen kön­nen, sein Bru­der Ri­chard, war ein hal­bes Jahr zu­vor ge­stor­ben. Kurz vor­her hat­te er ei­nen Sui­zid­ver­such über­lebt. Ri­chard war ein be­lieb­ter Scharm­be­cker Arzt, dem als Fol­ge der Het­ze und Schi­ka­nen ge­gen jü­di­sche Ärzte  die Pa­ti­en­ten weg­blie­ben.

Für Sieg­mund wur­de eine öf­fent­li­che Trau­er­fei­er un­ter­sagt, nicht ein­mal ei­nen Grab­stein durf­te der letz­te in der Stadt be­stat­te­te Jude be­kom­men. Über­lie­fert ist, dass ein Stein mit dem Na­men „Hein Gold­berg“ die Grab­stel­le kenn­zeich­net. Die Tä­ter, die alle samt aus Scharm­beck stamm­ten, wur­den in der Nach­kriegs­zeit nicht an­ge­klagt. Ihre Na­men wur­den ver­schwie­gen und sind heu­te ver­ges­sen.

Im No­vem­ber 1940 muss­te Han­ny mit ih­rer Mut­ter nach Bre­men in das Ju­den­haus in der El­sas­ser Stra­ße 114 zie­hen. Dort lern­te sie den 1883 ge­bo­re­nen Bern­hard Mey­er ken­nen und die bei­den hei­ra­te­ten. Nur drei Mon­te spä­ter, am 18. No­vem­ber 1941 wur­den sie mit 570 wei­te­ren Men­schen aus Bre­men und dem Kreis Sta­de „zum Ar­beits­ein­satz in den Os­ten eva­ku­iert“. Zu­vor hat­te man ih­nen alle Gü­ter ab­ge­nom­men und sie eine Er­klä­rung un­ter­schrei­ben las­sen, dass sie „Fein­de der Deut­schen Re­gie­rung sei­en und alle Rech­te und Be­sitz ver­lie­ren“. Han­ny muss­te nun mit ih­rem Mann und ih­rer Mut­ter eine 5 tä­gi­ge Zug­rei­se mit für sie un­be­kann­tem Ziel an­tre­ten. Im sel­ben Trans­port wa­ren auch ihre Cou­si­ne Hen­ny und wei­te­re aus Os­ter­holz-Scharm­beck aus­ge­wie­se­ne Ju­den, wie die Da­vid­sohns, Hei­de­manns und Mey­er-Ro­sen­hoffs.

Es ging nach Minsk, in das über­füll­te Ghet­to im Nord-Wes­ten der In­nen­stadt. Eine Wo­che vor­her wa­ren dort über 10000 weiß­rus­si­sche Ju­den kalt­blü­tig er­mor­det wor­den, um Platz für die An­kömm­lin­ge zu schaf­fen. Dort wur­den sie zum Ar­beits­ein­satz in der zer­stör­ten Stadt ge­zwun­gen und leb­ten zu­sam­men­ge­pfercht und hun­gernd in den un­be­heiz­ten Woh­nun­gen.

Han­nys Mut­ter hat, wie die meis­ten Al­ten und Schwa­chen den kal­ten Win­ter 1941 wahr­schein­lich nicht über­stan­den, mög­li­cher­wei­se aber Han­ny und Hen­ny. Doch mit der Wann­see­kon­fe­renz im Früh­jahr 1942 war ihr Schick­sal wie das al­ler Ju­den be­sie­gelt und ihre Er­mor­dung be­schlos­sen. Wer bis zum Som­mer 1942 über­leb­te hat­te, fand schließ­lich sei­nen Tod am 28. und 29. Juli im Gas­wa­gen oder durch die Er­schie­ßun­gen an den Gru­ben in Maly Tros­te­nez im Sü­den von Minsk.

Verf.: An­dre­as Ot­ter­stedt

Quel­len:

Klaus Beer, Ein Denk­mal für Fa­mi­lie Co­hen

Ilse Schrö­der, Jü­di­sche Bür­ge­rin­nen und Bür­ger in Os­ter­holz-Scharm­beck

Kreis­ar­chiv Os­ter­holz-Scharm­beck

Schü­ler­haupt­ver­zeich­nis der Öffent­li­chen Mit­tel­schu­le

Die bei­den Bil­der der Ge­schäfts­häu­ser wur­den mit der freund­li­chen Ge­neh­mi­gung der Fir­ma Mey­er­hoff ver­öf­fent­licht.

Die Au­dio Da­tei ist 2023 von Schü­ler und Schü­le­rin­nen der IGS Os­ter­holz-Scharm­beck (For­der-AG und Deutsch E-Kurs/​Jg.13 er­stellt und auf der Web­sei­te „Wi­der das Ver­ges­sen“ ver­öf­fent­licht https://www.tanjakoenig.de/ wor­den.

Veröffentlicht am

Diese Seite wurde zuletzt am 14. November 2023 geändert

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